Jaguar und Raubkatzen
Kurz gesagt
- Im Gebiet leben fünf Katzenarten: Jaguar, Puma, Ozelot, Langschwanzkatze, Jaguarundi.
- Der Jaguar ist da, wird aber fast nie gesehen - er ist nachtaktiv und weiträumig unterwegs.
- Was Besucher finden, sind Spuren, keine Tiere.
- Das Brüllen, das nach Raubkatze klingt, kommt von einem Affen.
Der Jaguar gehört zu Tikal wie der Tempel, der nach ihm benannt ist. Auf den Reliefs trägt der Herrscher sein Fell, sein Kopf sitzt auf Thronen und Zeptern, und der Jaguartempel hat seinen modernen Namen von einem geschnitzten Türsturz mit einem Jaguar darauf. Lebend bekommt ihn so gut wie niemand zu Gesicht.
Fünf Arten
Der Nationalpark ist Teil des Maya-Biosphärenreservats, eines der größten zusammenhängenden Waldgebiete Mittelamerikas. Alle fünf Katzenarten der Region kommen darin vor:
| Art | Größe | Aktiv |
|---|---|---|
| Jaguar | bis über 90 kg | nachts und in der Dämmerung |
| Puma | bis rund 70 kg | dämmerungs- und nachtaktiv |
| Ozelot | etwa katzengroß, bis 15 kg | nachts |
| Langschwanzkatze | kleiner, sehr kletterfähig | nachts, in den Bäumen |
| Jaguarundi | schlank, marderartig | tagsüber |
Der Jaguarundi ist damit die einzige, die man tagsüber überhaupt antreffen könnte. Er sieht allerdings so wenig nach Raubkatze aus (lang gestreckt, kurzbeinig, einfarbig), dass ihn die meisten für ein anderes Tier halten.
Warum man ihn nicht sieht
Ein Jaguar beansprucht ein Revier von vielen Quadratkilometern, ist nachts unterwegs, meidet Menschen und bewegt sich lautlos. Dazu kommt der Wald: Im geschlossenen Bestand reicht die Sicht selten weiter als ein paar Meter neben den Weg.
Dass die Tiere trotzdem da sind, zeigen Kamerafallen. Forschungsprojekte im Reservat belegen mit ihnen regelmäßig Jaguare, auch in der Nähe der freigelegten Bereiche. Der Park ist für sie kein Sperrgebiet, sondern normales Revier - er ist nur zu den Tageszeiten belebt, zu denen sie schlafen.
Woran man sie trotzdem merkt
Wer aufmerksam geht, findet Hinweise, vor allem morgens und nach Regen:
- Trittsiegel im weichen Boden der Waldwege, rundlich, ohne Krallenabdrücke - Katzen ziehen die Krallen ein. Ein Jaguarabdruck ist gut handtellergroß.
- Kratzspuren an Baumstämmen und aufgescharrte Stellen als Reviermarken.
- Reste einer Beute, meist Gürteltier, Nabelschwein oder Aguti.
Wer sich unsicher ist: Am Eingang und in den Museen hängen Vergleichsabbildungen, und Guides erkennen die Abdrücke sofort.
Das Brüllen ist kein Jaguar. Der tiefe, rollende Laut, der morgens und abends durch den Park geht und den fast jeder Besucher zunächst einem großen Raubtier zuschreibt, kommt von den Brüllaffen. Ein Jaguar ist im Park praktisch nie zu hören.
Der Jaguar bei den Maya
Der Jaguar war das Tier der Herrschaft und der Nacht. Die Maya verbanden ihn mit der Sonne auf ihrem Weg durch die Unterwelt: tagsüber am Himmel, nachts als Jaguar unterwegs. Sein Fell trugen Herrscher bei Zeremonien, sein Name steckt in Herrschernamen wie Chak Tok Ich’aak - „Große Fackel-Klaue“ - und der Thron, auf dem der Herrscher sitzt, ist auf vielen Darstellungen ein Jaguar.
Auch der Türsturz von Tempel III zeigt eine Gestalt im Jaguarfell. Das ist kein Priestergewand, sondern ein Rangzeichen. Wer das Fell trug, nahm für sich in Anspruch, was das Tier verkörperte.
Für den Besuch
Eine begründete Erwartung, einen Jaguar zu sehen, gibt es nicht - auch nicht bei mehrtägigem Aufenthalt. Wer die Chance erhöhen will, ist früh unterwegs, geht langsam und still und achtet auf den Boden statt in die Kronen.
Gefährlich sind die Tiere für Besucher nicht. Angriffe auf Menschen sind in Mittelamerika ausgesprochen selten, und der Jaguar weicht aus, lange bevor man ihn bemerkt. Sinnvoll ist trotzdem, nach Einbruch der Dunkelheit nicht allein durch den Wald zu laufen - weniger wegen der Katzen als wegen Schlangen, Wurzeln und der Tatsache, dass man sich in Tikal nachts leicht verläuft.