Tempel V
Kurz gesagt
- Rund 57 Meter hoch und damit der zweithöchste Tempel Tikals.
- Deutlich älter als Tempel I bis IV: errichtet um 600, rund 130 Jahre vor Tempel I.
- Ungewöhnlich sind die abgerundeten Ecken und ein einziger, extrem schmaler Raum oben.
- Eine Grabkammer wurde trotz langer Suche nie gefunden.
Tempel V steht südlich des Großen Platzes, am Rand der Südakropolis, etwas abseits der üblichen Laufrichtung. Mit rund 57 Metern ist er nach Tempel IV das zweithöchste Bauwerk der Stadt - und der interessanteste der großen Tempel, weil er aus der Reihe fällt.
Der Älteste unter den Großen
Die anderen großen Tempel gehören in die Spätklassik: Tempel I um 734, Tempel IV um 741, Tempel III um 810. Tempel V ist erheblich älter. Radiokarbondaten aus dem Bauwerk selbst legen die Errichtung auf die Zeit um 600, also rund anderthalb Jahrhunderte früher.
Das fällt in eine Phase, in der Tikal nach der Niederlage gegen Calakmul im Jahr 562 keine Stelen mehr aufstellte und lange als geschwächt galt. Ein Tempel dieser Größe passt schlecht zu diesem Bild. Er ist eines der Argumente dafür, dass die Stadt in diesem sogenannten Hiatus zwar politisch zurückgesetzt, aber keineswegs am Boden war.
Abgerundete Ecken und ein Raum von 90 Zentimetern
Zwei Eigenheiten unterscheiden Tempel V von seinen Nachbarn.
Die Ecken sind gerundet. Statt der scharfen Kanten, die Tempel I und IV kennzeichnen, laufen die Terrassen in weichen Bögen um das Bauwerk. Das ist in Tikal selten und begegnet sonst eher an frühen Anlagen wie Mundo Perdido.
Der Tempelaufbau hat nur einen Raum - und der ist mit knapp einem Meter Tiefe so schmal, dass kaum mehr als eine Person hineinpasst. Bei Tempel I liegen drei Räume hintereinander. Was hier gebaut wurde, war also kein Raum zum Aufenthalt, sondern eine Nische. Die Masse des Bauwerks dient dem Bild von unten, nicht dem, was oben passiert.
Kein Grab
Tempel I und II gelten als Grabtempel. Bei Tempel V hat man danach gesucht: Über Jahre wurden Tunnel in den Kern getrieben, wie es in Tikal üblich ist, um ältere Bauphasen und Bestattungen zu erreichen. Gefunden wurde keine Grabkammer.
Damit bleibt offen, für wen der Bau errichtet wurde. Ein Herrschername lässt sich ihm nicht sicher zuordnen, Inschriften am Bauwerk gibt es kaum. Für die Herrscherliste ist Tempel V eine Lücke: das größte Bauwerk seiner Zeit ohne Bauherrn.
Die Restaurierung
Freigelegt und gesichert wurde Tempel V erst in den 1990er und 2000er Jahren, in einem spanisch-guatemaltekischen Projekt. Das Ergebnis ist umstritten: An der Vorderseite wurde viel ergänzt, und wo Ergänzung anfängt und Original aufhört, ist von unten nicht immer erkennbar. Die Gegenposition ist ebenso nachvollziehbar - ohne die Sicherung wäre die Fassade inzwischen abgegangen.
Für den Besuch
An der Flanke führt eine hölzerne Stiege hinauf, fast senkrecht, mit Blick ins Freie. Sie gilt als der ausgesetzteste Aufstieg im Park, deutlich unangenehmer als die Treppe an Tempel IV. Ob sie geöffnet ist, wechselt - sie war schon mehrfach gesperrt. Vor Ort nachfragen.
Der Blick von oben ist ein anderer als der von Tempel IV: Man schaut von Süden auf das Zentrum, mit den Dachkämmen von Tempel I, II und III vor sich und der Zentralen Akropolis dazwischen. Wer nicht hinaufsteigt, sollte trotzdem herkommen. Von unten, aus dem schmalen Streifen zwischen Bauwerk und Waldrand, ist die Höhe eindrucksvoller als bei jedem anderen Tempel der Stadt.
Quellen
- Simon Martin, Nikolai Grube: Chronicle of the Maya Kings and Queens, Thames & Hudson.
- Berichte des Tikal Project, University of Pennsylvania Museum, 1956 bis 1970.