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Tikal · Bauwerke

Die Nordakropolis

Kurz gesagt

  • Kein einzelnes Bauwerk, sondern ein Hügel aus über anderthalb Jahrtausenden Bautätigkeit.
  • Jede Generation ummantelte die vorige, statt sie abzureißen.
  • Grabstätte der frühen Herrscher, lange vor den großen Tempeln.
  • Die Grabungen des Tikal Project legten hier die tiefsten Schichten der Stadt frei.

Die Nordakropolis wirkt auf den ersten Blick unübersichtlich: ein Gewirr aus Treppen, Plattformen und kleineren Tempeln am Nordrand des Großen Platzes. Genau das ist der Punkt. Sie ist kein Bauwerk, sondern ein Stapel.

Bauen, ohne abzureißen

Die Maya errichteten ihre Tempel nicht neben den alten, sondern über ihnen. Ein neuer Bau ummantelte den vorhandenen vollständig, füllte seine Räume mit Schutt und nutzte ihn als Kern. Der ältere Tempel verschwand nicht, er wurde zum Fundament.

In der Nordakropolis liegen auf diese Weise Bauphasen aus mehr als anderthalb Jahrtausenden übereinander, von den Anfängen mehrere Jahrhunderte vor unserer Zeitrechnung bis in die Spätzeit der Stadt. Für die Archäologie ist das ein Glücksfall: Was anderswo beim Neubau zerstört wurde, ist hier konserviert.

Was das für die Ausgrabung bedeutet

Die Grabungen des Tikal Project trieben ab den 1950er Jahren Tunnel und Schnitte in den Hügel und legten dabei ältere Fassaden frei, die seit tausend Jahren unter dem Nachfolgebau gelegen hatten – zum Teil mit erhaltenen Stuckmasken von mehreren Metern Höhe, deren Farbe noch erkennbar war.

Solche Funde sind der Grund, warum wir überhaupt wissen, wie eine gefasste Fassade aussah. Was jahrhundertelang eingeschlossen war, hat Regen und Sonne nie gesehen.

Die Gräber

Unter den Bauten liegen Grabkammern der frühen Herrscher, nummeriert in der Reihenfolge ihrer Entdeckung. Sie enthielten Keramik, Jadeschmuck, Muscheln und Stachelrochenstacheln für rituelle Blutopfer.

Die Nordakropolis war damit über Jahrhunderte der dynastische Friedhof Tikals, bis Jasaw Chan K’awiil I. sich mit Tempel I einen eigenen, weithin sichtbaren Grabbau an den Ostrand des Platzes setzte. Auch das ist eine Aussage: Er stellte sich neben die Ahnen, nicht mehr unter sie.

Was man heute sieht

Freigelegt und stabilisiert ist nur ein Bruchteil. Der Rest steckt weiter im Hügel. Wer über die Terrassen geht, läuft also über Tempel, die er nicht sieht – und die Unregelmäßigkeit der Anlage ist keine Nachlässigkeit, sondern das sichtbare Ergebnis von fünfzig Generationen, die alle an derselben Stelle gebaut haben.

Quellen

  • William R. Coe: Tikal Report No. 14: Excavations in the Great Plaza, North Terrace and North Acropolis, University Museum, Philadelphia.