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Tikal · Bauwerke

Tempel I: der Jaguartempel

Kurz gesagt

  • 47 Meter hoch, neun Terrassen, ein Dachkamm, der fast ein Drittel der Höhe ausmacht.
  • Erbaut um 734 als Grabtempel für Jasaw Chan K’awiil I., den Sieger über Calakmul.
  • Der Name „Jaguartempel“ stammt nicht von den Maya, sondern von einem geschnitzten Türsturz.
  • Das Besteigen ist seit Langem untersagt. Der Blick auf ihn führt über Tempel II.

Tempel I steht am Ostrand des Großen Platzes und ist das Bild, das die meisten Menschen vor Augen haben, wenn sie an Tikal denken. Neun Terrassen steigen steil an, eine einzige schmale Treppe führt hinauf, oben sitzt ein kleiner Tempelaufbau mit drei hintereinander liegenden Räumen, und darüber erhebt sich ein massiver Dachkamm, der noch einmal fast so hoch ist wie der Aufbau selbst. Zusammen ergibt das rund 47 Meter.

Diese Silhouette ist das, was Tikal von den bekannteren Maya-Stätten Yucatáns unterscheidet. Wer El Castillo in Chichén Itzá kennt, erwartet eine breite, gedrungene Pyramide mit vier Treppen. Tempel I ist das Gegenteil: schmal, steil, in die Höhe gezogen, mit nur einer Treppe und einem Dachkamm, der keinerlei Raum umschließt und allein dazu diente, das Bauwerk größer erscheinen zu lassen.

Ein Grab, kein Tempel

Unter der Pyramide liegt Grab 116, die Bestattung des Jasaw Chan K’awiil I., der Tikal von 682 bis etwa 734 regierte. Er ist der Herrscher, der 695 den lange übermächtigen Rivalen Calakmul besiegte und Tikal damit aus einem Jahrhundert der Bedeutungslosigkeit zurückholte. Der Tempel wurde vermutlich erst nach seinem Tod fertiggestellt, wahrscheinlich unter seinem Sohn Yik’in Chan K’awiil.

Die Grabkammer enthielt eine der reichsten Bestattungen des Maya-Tieflands: Schmuck aus Jade, Perlen und Muscheln, bemalte Keramik und eine Sammlung fein geschnitzter Knochen mit Ritzzeichnungen. Der Bau selbst ist also weniger Tempel im Sinne eines Kultgebäudes als Denkmal über einem Grab, vergleichbar einem Mausoleum.

Woher der Name kommt

„Templo del Gran Jaguar“ ist eine moderne Bezeichnung. Sie geht auf einen der geschnitzten Türstürze aus Sapotillholz zurück, die über den Eingängen des Tempelaufbaus saßen. Einer davon zeigt den Herrscher, über den sich ein großer Jaguar als schützende Gestalt legt. Die Maya selbst nannten das Bauwerk anders, und einen Namen mit „Jaguar“ trug es nicht.

Die Türstürze sind ein Sonderfall der Tikal-Archäologie: Holz überdauert im feuchten Tiefland normalerweise nicht, das harte Sapotillholz aber schon. Mehrere dieser Stürze verließen im 19. Jahrhundert das Land und liegen heute in europäischen Museen.

Wie er einmal aussah

Der graue Kalkstein, den man heute sieht, ist nicht der ursprüngliche Zustand. Die Fassade war vollständig verputzt und kräftig rot gefasst – das Pigment dafür war Hämatit, dasselbe Eisenoxid, mit dem schon in der Steinzeit gemalt wurde. Der Dachkamm trug eine große modellierte Stuckfigur des thronenden Herrschers, umgeben von weiteren Elementen in Rot, Cremeweiß und Blaugrün. Vom Großen Platz aus war das über eine weite Strecke sichtbar.

Von dieser Fassung sind nur Reste erhalten, vor allem in geschützten Winkeln des Dachkamms. Rekonstruktionen stützen sich auf diese Reste, auf Vergleichsbauten und auf Darstellungen in der Maya-Kunst selbst.

Für den Besuch

Tempel I darf nicht bestiegen werden. Die Treppe ist außerordentlich steil, die Stufen sind schmal, und nach mehreren tödlichen Unfällen wurde der Aufstieg dauerhaft gesperrt. Wer die Pyramide von oben sehen will, steigt stattdessen die Holztreppe an Tempel II auf der gegenüberliegenden Seite des Platzes hinauf oder geht zu Tempel IV, von dem aus die Dachkämme über dem Blätterdach zu sehen sind.

Das beste Licht auf der Westfassade liegt am späten Nachmittag. Morgens steht die Sonne hinter dem Bauwerk, was für Aufnahmen vom Platz aus ungünstig ist.

Rekonstruktion von Tempel I mit rot gefasster Fassade und Stuckfiguren am Dachkamm
Tempel I im Zustand um 740: verputzt, rot gefasst, mit modellierten Stuckfiguren am Dachkamm. Mit KI erzeugte Rekonstruktionszeichnung, kein Foto.

Quellen

  • Simon Martin, Nikolai Grube: Chronicle of the Maya Kings and Queens, Thames & Hudson.
  • Berichte des Tikal Project, University of Pennsylvania Museum, 1956 bis 1970.