Der Krieg mit Calakmul
Kurz gesagt
- Über anderthalb Jahrhunderte rangen Tikal und Calakmul um die Vorherrschaft.
- 562 unterlag Tikal – danach folgen rund 130 Jahre ohne aufgestellte Stelen.
- 695 entschied Jasaw Chan K’awiil I. den Konflikt für Tikal.
- Geführt wurde der Krieg vor allem über Verbündete, nicht in Feldschlachten.
Die Vorstellung von den friedlichen Maya-Astronomen hat die Forschung längst verabschiedet. Die Inschriften erzählen von Kriegen, und der längste betraf Tikal und Calakmul, rund hundert Kilometer nördlich im heutigen Mexiko.
Zwei Blöcke
Calakmul war Sitz der Kaan-Dynastie, der „Schlangenkönige“. Ihre Politik bestand weniger darin, selbst Städte zu erobern, als darin, Tikal einzukreisen: Nachbarstädte wurden zu Verbündeten gemacht, mit Herrschern besetzt, die Calakmul verpflichtet waren, und gegen Tikal in Stellung gebracht.
Wer im Maya-Tiefland Krieg führte, führte ihn deshalb selten direkt. Es ging um Gefolgschaften, Heiraten, Einsetzungen – und um die Kontrolle der Wege, über die Obsidian, Jade und Salz liefen.
562: die Niederlage
Im Jahr 562 erlitt Tikal unter Wak Chan K’awiil eine Niederlage. Die Inschrift, die davon berichtet, nennt ein Ereignis, das in der Forschung als „Sternenkrieg“ bezeichnet wird – ein Kriegsereignis, das mit einer bestimmten Stellung der Venus verbunden ist. Wie genau das gemeint war, ist nicht abschließend geklärt; sicher ist, dass es sich um besonders folgenschwere Kriegshandlungen handelte.
Was danach kommt, ist für eine Stadt dieser Größe bemerkenswert: rund 130 Jahre lang werden keine Stelen mehr aufgestellt. Diese Phase heißt in der Literatur schlicht der Hiatus. Tikal verschwand nicht, aber es hörte auf, sich öffentlich darzustellen – und wer seine Geschichte nicht mehr in Stein schreiben lässt, hat meist nichts zu verkünden.
695: die Entscheidung
Die Wende kam unter Jasaw Chan K’awiil I. Im Jahr 695 besiegte er Calakmul und dessen Herrscher Yuknoom Yich’aak K’ahk’. Das Ereignis ist auf einem der geschnitzten Türstürze festgehalten und wurde in Tikal ausgiebig inszeniert.
Danach beginnt die Bauphase, die das heutige Bild der Stadt prägt: Tempel I, Tempel II und unter Jasaws Sohn Tempel IV. Die Tempel, wegen derer Besucher heute nach Tikal fahren, sind das Bauprogramm eines Siegers.
Was der Sieg nicht änderte
Tikal blühte nach 695 noch rund ein Jahrhundert. Dann brechen auch hier die Inschriften ab. Der Sieg über Calakmul hat den späteren Zusammenbruch nicht verhindert – siehe Das Ende Tikals.
Quellen
- Simon Martin, Nikolai Grube: Chronicle of the Maya Kings and Queens, Thames & Hudson.