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Tikal · Bauwerke

Tempel VI: der Inschriftentempel

Kurz gesagt

  • Liegt gut einen Kilometer südöstlich vom Zentrum, am Ende des Méndez-Damms.
  • Sein Dachkamm trägt den längsten Inschriftentext Tikals, rund 186 Glyphenblöcke.
  • Erst 1951 gefunden, von einem Chiclero, nicht von Archäologen.
  • Wird von fast allen Gruppen ausgelassen. Wer hingeht, ist meist allein.

Tempel VI ist der Nachzügler unter den großen Bauten Tikals: der letzte, der gefunden wurde, der am weitesten abseits liegt, und der einzige, der seinen modernen Namen nicht einem Bild verdankt, sondern einem Text.

Der längste Text der Stadt

Auf der Rückseite des Dachkamms steht eine Inschrift aus rund 186 Glyphenblöcken. Kein anderes Monument Tikals trägt so viel Text auf einmal. Die Stelen kommen selten über ein paar Dutzend Blöcke hinaus, hier ist es eine ganze Wand voll.

Inhaltlich ist es kein Bericht über den Bau, sondern eine Rückschau: Der Text greift weit hinter die Stadtgeschichte zurück, bis zu Daten im zweiten vorchristlichen Jahrtausend, und führt von dort über die frühen Herrscher bis in das 8. Jahrhundert. Das ist ein bekanntes Muster - die Dynastie stellt sich in eine Linie, die älter ist als alles, was sich belegen lässt. Zur Bauart solcher Texte siehe Eine Inschrift lesen.

Lesbar ist davon heute wenig. Der Dachkamm steht seit über tausend Jahren im Regen, die Oberfläche ist stark abgewittert, und große Teile der Inschrift sind nur aus Abzeichnungen und Fotos der Grabungszeit bekannt.

Warum ausgerechnet hier? Ein so langer Text an einem Bau am Stadtrand wirkt verkehrt herum. Eine Erklärung ist die Lage selbst: Tempel VI steht am Ende des Méndez-Damms, also dort, wo der Weg aus dem Südosten in die Stadt führt. Wer von dort kam, las die Dynastiegeschichte, bevor er das Zentrum sah. Beweisen lässt sich das nicht.

Bau und Datierung

Der Tempel ist deutlich niedriger als die großen vier am Zentrum, der Dachkamm macht einen erheblichen Teil der Höhe aus. Errichtet wurde er unter Yik’in Chan K’awiil, dem Sohn des Jasaw Chan K’awiil I., in derselben Bauphase, aus der auch Tempel IV stammt. Die Weihung wird auf 766 gelegt. Vor dem Bauwerk stehen Stele 21 und Altar 9, drei Jahrzehnte älter als der Tempel selbst.

Gefunden 1951

Während die Tempel am Großen Platz seit dem 19. Jahrhundert bekannt waren, tauchte Tempel VI erst 1951 auf. Gefunden hat ihn ein Chiclero, einer der Sammler, die im Petén den Milchsaft des Breiapfelbaums für Kaugummi zapften und dabei jahrzehntelang mehr vom Wald sahen als jeder Forscher.

Das ist kein Einzelfall: Ein guter Teil der Fundmeldungen im Petén kam aus dieser Berufsgruppe. Zur Forschungsgeschichte siehe Die Ausgrabungen.

Wo er liegt

Schematisch, nicht maßstabsgetreu. Die Lage der Gruppen zueinander stimmt, die Abstände sind gestaucht, damit die Beschriftung lesbar bleibt. Rot hinterlegte Felder, die Reservoirs und die Calzadas führen auf ihre Seite. Gruppe H, die Zwillingspyramiden, die Plaza der Sieben Tempel und der Eingang haben noch keine eigene. Vom Eingang bis zum Großen Platz sind es real 20 bis 30 Minuten zu Fuß.

Für den Besuch

Vom Großen Platz führt der Méndez-Damm nach Südosten, gut einen Kilometer durch geschlossenen Wald. Zu Fuß ist das eine gute halbe Stunde hin und dieselbe zurück, und genau daran scheitert der Besuch meistens: Tagesgruppen haben die Zeit nicht.

Wer sie hat, bekommt zwei Dinge. Erstens den Tempel für sich - hier steht selten jemand. Zweitens den Weg, der durch ruhigen Wald führt und für Vögel und Klammeraffen die bessere Strecke ist als die ausgetretenen Wege im Zentrum.

Der Dachkamm ist von unten zu sehen, die Inschrift selbst mit bloßem Auge kaum. Ein Fernglas hilft mehr als eine Kamera.

Zuletzt überarbeitet am 22.08.2026.

Quellen