Stelen und Altäre
Kurz gesagt
- Aufrechte Kalksteintafeln mit Herrscherbild, davor ein runder Altarstein.
- Sie sind die Hauptquelle für alles, was wir über Tikals Geschichte wissen.
- Stele 29 trägt mit 292 n. Chr. das älteste sichere Langzählungsdatum des Tieflands.
- Viele wurden absichtlich zerschlagen – auch das ist eine historische Aussage.
Auf den Plätzen Tikals stehen Reihen aufrechter Steintafeln, meist zwei bis drei Meter hoch, davor jeweils ein niedriger runder Stein. Die Tafeln heißen Stelen, die runden Steine Altäre. Zusammen bilden sie ein Paar, das immer wieder in derselben Anordnung auftritt.
Was auf ihnen steht
Die Vorderseite zeigt in der Regel den Herrscher, stehend, im Profil oder frontal, mit aufwendigem Kopfputz, Jadeschmuck und einem Zeremonialstab. An den Rändern und auf den Seitenflächen laufen Glyphenspalten, die ein Datum nennen, ein Ereignis und den, der handelt: eine Thronbesteigung, ein Jahrestag, ein Kriegszug, ein Ritual zum Abschluss einer Kalenderperiode.
Das ist keine Kunst im modernen Sinn, sondern eine Verlautbarung. Stelen wurden aufgestellt, um einen Anspruch öffentlich und dauerhaft festzuhalten. Deshalb sind sie für die Forschung so wertvoll: Fast alles, was wir über Tikals Herrscher wissen, stammt von ihnen und von den geschnitzten Türstürzen der Tempel.
Das Material
Gearbeitet wurde in Kalkstein, dem Gestein, auf dem die Stadt steht und aus dem sie gebaut ist. Er ließ sich frisch aus dem Bruch verhältnismäßig leicht bearbeiten und härtete an der Luft nach. Metallwerkzeuge gab es nicht: Gearbeitet wurde mit Steinwerkzeug, das Feine mit Klingen aus Obsidian und Feuerstein.
Dieselbe Weichheit, die die Bearbeitung erlaubte, macht die Stelen heute anfällig. Wo Regen und Flechten seit Jahrhunderten arbeiten, sind Gesichter und Glyphen bis zur Unlesbarkeit abgerieben. Mehrere Originale stehen deshalb im Museum, an ihrem Platz im Park steht eine Kopie.
Stele 29 und der Anfang der Zeitrechnung
Stele 29 ist ein Sonderfall. Ihr Datum entspricht dem Jahr 292 nach Christus und ist damit das älteste sicher gelesene Langzählungsdatum des gesamten Maya-Tieflands. Die Stele war zerbrochen und lag verstreut, was ihre Bedeutung lange verdeckte.
Sie zeigt, dass Tikal die Schrift und die Lange Zählung zu einem Zeitpunkt beherrschte, als die Stadt gerade begann, sich als Großmacht zu behaupten.
Zerschlagene Steine
Auffällig viele Stelen sind nicht einfach verwittert, sondern zerbrochen, umgestürzt oder haben abgeschlagene Gesichter. Ein Teil davon geht auf natürliche Ursachen zurück. Ein anderer nicht.
Das gezielte Zerstören von Bildnissen ist in der Maya-Welt gut belegt, meist nach einer militärischen Niederlage oder einem Dynastiewechsel. Wer das Bild des Herrschers zerstörte, traf ihn selbst. Umgekehrt wurden alte Stelen manchmal Jahrhunderte später wieder aufgestellt, in neuer Anordnung und mit neuem Anspruch – eine Art Umschreibung der Geschichte mit dem vorhandenen Material.
Für die Archäologie heißt das: Auch der Zustand eines Steins ist eine Quelle, nicht nur seine Inschrift.
Quellen
- Simon Martin, Nikolai Grube: Chronicle of the Maya Kings and Queens, Thames & Hudson.
- Christopher Jones, Linton Satterthwaite: The Monuments and Inscriptions of Tikal: The Carved Monuments, University Museum, Philadelphia.